In einer Weinwelt, die sich immer schneller dreht, in der Jahrgänge oft schon verkauft sind, bevor sie überhaupt in der Flasche sind, gibt es einen Mann auf dem Hochplateau von Ziros im Osten Kretas, der die Zeit angehalten hat. Giannis Economou produziert keinen Wein für den schnellen Konsum. Er produziert Flaschen gewordene Geduld.
Die Verweigerung des Marktdrucks
Das Weingut Domaine Economou folgt keinem betriebswirtschaftlichen Plan, sondern dem Rhythmus der Natur und der Reife des Weins. Es ist keine Seltenheit, dass Economou einen Wein erst 5, 10, 20 oder gar mehr als 25 Jahre nach der Ernte auf den Markt bringt. Wer fragt, wann der nächste Jahrgang erscheint, erhält oft nur ein Schulterzucken: "Wenn er fertig ist."
Dieses Manifest der Langsamkeit ist ein radikaler Akt gegen die Industrialisierung des Geschmacks. Economou lässt seine Weine so lange in alten Fässern und später auf der Flasche ruhen, bis die primäre Frucht einer tiefen, ätherischen Komplexität gewichen ist.
Das Terroir von Ziros: Überlebenskünstler auf 600 Metern
Die Basis für dieses Experiment mit der Zeit sind extrem alte, wurzelechte Reben (Franc de Pied), die auf dem kargen Hochplateau von Sitia wachsen. Das Klima ist brutal: heiße Tage, eiskalte Nächte und ständiger Wind.
Die Rebsorten:
Komplexität in Weiß, Rot und manchmal gar ein Rosé
Liatiko – Das rote Flaggschiff: In den Händen von Economou verwandelt sich diese oft unterschätzte Traube in etwas, das an die großen Barolos oder gereiften Burgunder erinnert. Oft fließen kleine Anteile der Sorten Mandilari und Voidomati in die Cuvée ein, um der natürlichen Eleganz des Liatiko zusätzliche Struktur, Farbe und eine tiefere Würze zu verleihen. Das Ergebnis ist ein Wein mit explosiver aromatischer Kraft aus getrockneten Kräutern, Leder und Umami.
Die weißen Solisten & Cuvées:
Assyrtiko: Er besticht durch eine für Kreta untypische, fast vibrierende Mineralität und Präzision.
Thrapsathiri & Vilana:
Neben seinem beeindruckenden reinsortigen Thrapsathiri kreiert Economou auch eine legendäre Cuvée aus Vilana und Thrapsathiri. Durch die lange Reife und bewusste Oxidation entwickeln diese Weine eine bernsteinfarbene Dichte und Struktur, die weit über das hinausgeht, was man üblicherweise von kretischen Weißweinen erwartet.
Der seltene Cabernet-Merlot:
Dass Economou auch die internationalen Klassiker beherrscht, bewies er mit seinem Cabernet-Merlot. Doch auch hier gilt sein Manifest: Der Wein erscheint erst dann, wenn die Tannine perfekt abgeschliffen sind und sich die Frucht mit den tertiären Noten der jahrelangen Reife zu einem harmonischen Ganzen verbunden hat.
Minimalismus als Höchstleistung
Economou interveniert im Keller fast gar nicht. Er vertraut auf die Widerstandsfähigkeit seiner Trauben und die stabilisierende Kraft der Zeit. Seine Weine sind oft unfiltriert und enthalten nur minimale Mengen Schwefel. Was dabei herauskommt, ist pure Magie: Weine, die nicht "jung" schmecken können, weil sie ihre Jugend bereits im dunklen Keller des Weinguts gelassen haben. Sie treten direkt in ihre Weisheitsphase ein.
Das Erlebnis: Wein als Zeitkapsel
Einen Economou zu trinken, erfordert eine Umstellung der eigenen Erwartungshaltung. Man muss dem Wein Zeit im Glas geben, damit er seine Schichten entfalten kann. Es ist ein intellektuelles Erlebnis, das beweist: Der größte Luxus im Weinbau ist nicht Gold oder Marketing, sondern die Freiheit, warten zu können.
